Zur Geschichte des ersten WWW-Servers der TU Berlin
Erhard Konrad
Die ersten Schritte in der Entwicklung des World Wide Web (WWW)
wurden im akademischen Elfenbeinturm gemacht - unbemerkt von der
Öffentlichkeit. Bei CERN, dem europäischen Forschungslabor für
Teilchenphysik, schlug Tim Berners-Lee im Jahr 1989 den Aufbau eines
weltweiten Netzes ("World Wide Web") vor, um die Kooperation
zwischen Physikern zu verbessern, die an verschieden Orten der Welt
im Bereich der Hochenergie-Physik forschten. Ende 1990 hatte er ein
Demonstrationssystem mit einem einfachen Browser (nur für Texte)
fertiggestellt. Im darauffolgenden Jahr wurde die WWW-Software von CERN
freigegeben und im Internet verfügbar gemacht. Das erste Netz neuen Typs
entstand 1992 zwischen Forschungseinrichtungen der Hochenergie-Physik,
darunter war auch das National Center for Supercomputing Applications (NCSA),
University of Illinois at Urbana-Champaign, USA.
Das WWW-Projekt am Fachgebiet Wissensbasierte Systeme (WBS) begann im
Jahr 1992 als studentische Initiative. Im Rahmen eines lokalen Informationsdienstes konnten Nutzer(innen)
des Fachbereichs Informatik der TU Berlin auf Hypertexte
(Studien- und Forschungsführer, Bibliothekenindex u.a.) zugreifen,
ab Anfang 1993 mit dem grafischen Browser X Mosaic (damals gerade
fertiggestellt von Marc Andreessen [NCSA], dem späteren Mitgründer von
Netscape).
Anfang November 1993 wurde der erste WWW-Server an der TU Berlin auf dem
WBS-Rechner (Sun4/25) python.cs.tu-berlin.de, Port 2784, installiert und bei NCSA registriert. Im selben Monat bekam
der Rechner den Aliasnamen www.cs.tu-berlin.de. Laut Statistik von Matthew Gray (MIT)
gab es damals weltweit ca. 250 WWW-Server (vgl. Reid [1997], Introduction, p. xxvi, Exhibit I.3). Unter den
ersten WWW-Servern in Deutschland nahm der WBS-Server insoweit eine führende Rolle ein, als ab März 1994
weltweit auf die Deutschland-Seite zugegriffen werden konnte.
Die Seite war in Portugal (für Europa) und in den USA (für die Welt)
registriert, sie wurde jedoch im selben Jahr nach München vergeben, denn das
Rechnernetz der TU Berlin war als zentraler WWW-Zugang für Deutschland zu langsam.
Im Mai 1994 konstituierte sich ein WWW-Team, das sich zum Ziel
setzte, für den Fachbereich Informatik ein Informationssystem auf
Client-Server-Basis mit weltweitem Zugriff aufzubauen (Informationssystem WWW-IS). Die Mitglieder
des Teams betraten damals Neuland. Die Transformation von (traditionell)
linearen Texten in nicht-lineare Hypertexte erforderte eine neuartige
Taxonomie. Um den externen Zugang zu verbessern, portierte das WWW-Team
im August 1994 das Informationssystem WWW-IS vom Arbeitsplatzrechner python.cs.tu-berlin.de
auf den Fachbereichsrechner (FTP-Server) quepasa.cs.tu-berlin.de (Sun4/330).
Im Zuge der Aufbauarbeiten für das World Wide Web am Fachbereich
Informatik ergänzte das WWW-Team die verfügbare Systemsoftware durch
zahlreiche WWW-Programmpakete und selbst entwickelte Programme.
Im Sommer 1995 schließlich umfasste die WWW-Software ca. 50 (jeweils auf
drei Plattformen: Unix, Macintosh, MS-DOS/Windows) installierte und an
lokale Gegebenheiten angepaßte Programmpakete (Lynx, Mosaic,
Netscape, WAIS-Programme u.a.), ca. 80 CGI-Skripte (Systemverwaltung,
Systemsicherheit, Datenbankanbindung WWW-Informix, Nutzeraufnahme u.a.)
und 8 Cron Jobs (Shell-Skripte zur Überwachung von Systemänderungen
und Speicherplatz sowie zur laufenden Erstellung von Statistiken u.a.).
Die Hypertextbasis bestand aus ca. 8000 Dokumenten (darunter
ca. 3300 Hypertexte) und war der Struktur nach ein Netz aus 24000
Knoten mit 297000 Verbindungen. Die Taxonomie (Begriffsstruktur) war
auf der Systemebene durch ein Unix-Dateisystem mit 881 Verzeichnissen
realisiert. Die Zahl der Zugriffe pro Tag bewegte sich zwischen 40000
und 60000. - Dies war der Entwicklungsstand des Informationssystems
WWW-IS am Vorabend der feindlichen Übernahme.
Am 3. Juli 1995 übernahmen Beauftragte des Dekans das Informationssystem
WWW-IS mitsamt dem Namen des WWW-Servers, zusätzlich
auch die Mail-Adresse, die Benutzer- und Gruppenkennung sowie den
Mail-Verteiler des WWW-Teams. Sie änderten Zugriffsrechte, tauschten die
Homepage aus und begannen in einem Verzeichnis des WWW-Dateisystems ein
eigenes Informationsangebot aufzubauen. Im nächsten Schritt (Oktober 1995)
wurde ein WWW-Server (Dekan-Server) auf dem Rechner andele.cs.tu-berlin.de (SunS20-712)
eingerichtet, der den bereits weltweit bekannten Namen
www.cs.tu-berlin.de als Aliasnamen bekam. Dem WBS-Server wurde der damals
völlig unbekannte Name wwwwbs.cs.tu-berlin.de zugeteilt. Der
Dekan-Server fungierte längere Zeit als Vorschalt-Server, der mangels
eines eigenen Informationsangebots fast alle Aufträge an den WBS-Server
weiterleitete. Die vom Dekan angeordneten Eingriffe hatten zur Folge, dass
das Informationssystem WWW-IS nur noch mit reduzierter Funktionalität
weiterarbeiten konnte. Zwar propagierte der Dekan in der Öffentlichkeit eine Trennung der beiden
WWW-Server, aber de facto blieben sie zu Lasten des WBS-Servers
verflochten.
Ende 1999 kündigte der Informatik-Rechnerbetrieb an, er wolle den Rechner
quepasa.cs.tu-berlin.de wegen technischer Mängel abschalten (im Zusammenhang mit dem
Jahr-2000-Problem). Daraufhin konstituierte sich ein neues WWW-Team
(wwwteam2000) und portierte das Informationssystem WWW-IS von
quepasa.cs.tu-berlin.de auf den WBS-Rechner taipan.cs.tu-berlin.de (PC-686). WWW-IS läuft seither
unter Linux mit einem Apache HTTP Server (dem gegenwärtig meistverbreiteten
HTTP Server im Internet, den u.a. das FBI und das britische Königshaus
verwenden). Der ursprünliche WWW-Server existiert noch als
historisches Fragment.
Erhellend dürfte ein Vergleich mit der Geschichte des ersten WWW-Servers des
Massachusetts Institute of Technology (MIT) sein. Als an der berühmten
Partner-Universität der TU Berlin in den Jahren 1993/94
ein (inoffizielles) WWW-Team einen WWW-Server mit dem Namen www.mit.edu aufgebaut hatte,
würdigte die MIT-Administration diese Pionierleistung und richtete
einen eigenen WWW-Dienst mit dem neuen Namen web.mit.edu ein.
Dieser respektvolle Umgang mit einem studentischen Initiativprojekt steht in deutlichem Kontrast zur Vorgehensweise
des hiesigen Dekans im Jahr 1995.
Das Internet hat sich im vergangenen Jahrzehnt stark gewandelt.
Während das World Wide Web (WWW) anfänglich ein akademisches
Kommunikationsmedium zum Austausch wissenschaftlicher Information war,
wird es heute von Industrie und Wirtschaft dominiert. Im Juni 1993
betrug der Anteil der kommerziellen WWW-Server 1,5 %, Ende 1994 belief
er sich auf 20 %, und heute liegt er über 90 %.
Literatur:
-
Berners-Lee, Tim; Cailliau, Robert; Luotonen, Ari; Nielsen, Henrik F.;
Secret, Arthur: The World Wide Web, Comm. ACM, 37 (8), 1994, 76-82.
- Ford, Andrew; Dixon, Tim: Spinning the Web, Thomson Computer Press,
2nd Edition, London 1996.
- Reid, Robert H.: Architects of the Web, Wiley, New York 1997.
[WBS]
Erstellt am 5.4.2001
Letzte Änderung: 25. September 2007